Studienergebnisse des Bayerischen ambulanten Covid-19 Monitor (BaCoM) vorgestellt
„Die Pflegebedürftigen, also betagte Menschen, die an der BaCoM-Studie teilnahmen und eine SARS CoV-2-Infektion oder eine COVID-19-Erkankung überlebt haben, zeigen weniger starke körperliche und seelische Belastungen als zunächst befürchtet. Die COVID-19-Pandemie verstärkt aber bekannte Probleme in der Versorgung wie ein Brennglas. Künftig sollte auch die psycho-soziale Versorgung wie die Unterstützung in der sozialen Teilhabe frühzeitiger und gezielter adressiert werden“, fasst Prof. Dr. Jochen Gensichen, Sprecher der BaCoM-Studie und Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am LMU Klinikum München, die Studienergebnisse zusammen.
Unter den Untersuchten zeigt sich, dass Pflegebedürftige, ihre pflegenden Angehörigen, ihre Pflegekräfte und ihre Hausärzte von der Erkrankung selbst, aber auch besonders von den beschlossenen Schutzmaßnahmen der COVID-19-Pandemie betroffen sind. Die ersten Auswertungen zeigen folgende Ergebnisse:
Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die physische Gesundheit
Pflegebedürftige zeigen nach überstandener COVID-19-Erkrankung häufiger längerfristig Symptome eines Erschöpfungssyndroms – der so genannten Fatigue – als nicht Pflegebedürftige nach einer COVID-19-Erkrankung. Bei anderen Post-COVID-Symptomen wie Kurzatmigkeit, Schwindel, kognitive Beeinträchtigungen und Husten gibt es keine signifikanten Unterschiede zwischen Pflegebedürftigen und nicht Pflegebedürftigen.
Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die psycho-soziale Gesundheit
Bei Pflegebedürftigen konnte kein Zusammenhang zwischen einer SARS-CoV-2-Infektion und Veränderungen in der Kognition bzw. der Lebensqualität festgestellt werden. Jedoch bedeutet ein symptomatischer Krankheitsverlauf auch ein erhöhtes Risiko für eine depressive Symptomatik. Darüber hinaus haben Pflegebedürftige mit körperlichen Einschränkungen (unabhängig von einer SARS-CoV-2-Infektion) ein erhöhtes Risiko für depressive Verstimmungen.
Pflegebedürftige zeigen, bedingt durch die pandemischen Maßnahmen, ein verstärktes Einsamkeitsgefühl. Unterbrochene Familienprozesse, wie der verlässliche Kontakt zu den Verwandten, führen zu Schwierigkeiten, neue Herausforderungen im eigenen Alltag zu bewältigen. Gleichzeitig gibt es wenige spezifische Maßnahmen zur Sicherung der sozialen Teilhabe der Pflegebedürftigen in der Pandemie.
Immunität der Pflegebedürftigen in der COVID-19-Pandemie
Bei den untersuchten Pflegebedürftigen konnten der Allgemeinbevölkerung vergleichbare Antikörperdynamiken nach COVID-19-Grundimmunisierung und Boosterimpfungen festgestellt werden.
Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die Medikationssicherheit
SARS-CoV-2 hat insgesamt einen geringen Einfluss auf die Medikation der Untersuchten. Über 70 Prozent der Pflegebedürftigen mit und ohne SARS-CoV-2-Infektion sind von einer potenziell riskanten Medikation betroffen und damit einem hohen Risiko unerwünschter Arzneimittelnebenwirkungen ausgesetzt. Darüber hinaus ist mindestens jeder Zweite von einer möglichen Unterversorgung betroffen.
Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die professionell Pflegenden und pflegenden Angehörigen
Professionell Pflegende, sowohl im ambulanten Bereich als auch in der stationären Altenpflege, und die pflegenden Angehörigen zeigten eine emotionale Erschöpfung in der Covid-19-Pandemie. Die von pflegenden Angehörigen wahrgenommene hohe Belastung durch die Pflege, aber auch eine Depressivität verringern ihr Vertrauen in die SARS-CoV-2-Impfung.
Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die Prozesse der Versorgung
Die Pandemie führt zu Routineverlusten innerhalb von Organisationen des Gesundheitswesens und bringt neue Koordinationserfordernisse von multiplen Aufgaben und Akteuren mit sich. Dies wird vielfach als Krise wahrgenommen: Lösungen, wie beispielsweise die infektiologisch gut begründeten starken Quarantänemaßnahmen, führen in der psycho-sozialen Versorgung zu massiven Problemen. Überforderungen im Management solcher Schnittstellen werden offensichtlich.
BaCoM Symposium 20.11.2023 - Vorstellung der Studienergebnisse
Prof. Dr. Jochen Gensichen, Studienleiter der BaCoM-Studie
Prof. Dr. Anita Hausen, Katholische Stiftungshochschule München
Prof. Dr. Armin Nassehi, Ludwig-Maximilians-Universität München
Dr. Bernhard Opolony, Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit Pflege und Prävention
Prof. Dr. Tobias Dreischulte, Institut für Allgemeinmedizin
Hintergrund
Beim Bayerischen ambulanten Covid-19 Monitor (BaCoM) handelt es sich um eine multizentrische, interdisziplinäre Kohortenstudie, die die psychischen, sozialen, klinischen und physiologischen Auswirkungen von COVID-19-Erkrankungen bei rund 1.000 Pflegebedürftigen in der ambulanten und stationären Langzeitpflege untersucht. Darüber hinaus wurden die pflegenden Angehörigen, die professionell Pflegenden und die Hausärzte zur Versorgungsituation der Untersuchten befragt. Dieser Monitor ist die bundesweit größte systematische Untersuchung dieser Art, die vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention gefördert wird.
Ansprechpartner:
Prof. Dr. med. Jochen Gensichen
Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin LMU Klinikum München Campus Innenstadt