Patientengeschichte: Neue Behandlungsmöglichkeiten bei Alzheimer

Die Patientin Gudrun Sommer (Name geändert) wurde vorstellig in der Gedächtnissprechstunde des LMU Klinikums. Häufiger vergaß die 79-Jährige in jüngster Zeit Termine, manchmal den Inhalt von Gesprächen; sie fand Dinge nicht wieder, die sie irgendwo deponiert hatte, und konnte sich ihre Einkaufsliste nicht mehr gut merken. Vor allem mache ihr zu schaffen, dass sie bei ihren Studien zunehmend Konzentrationsschwierigkeiten hat und bereits erarbeitete und begriffene Zusammenhänge leicht wieder vergisst.

„Dabei weist die Patientin ein sehr hohes geistiges Ausgangsniveau auf“, sagt Privat-Dozentin Dr. Sonja Schönecker von der Neurologischen Klinik und Poliklinik in Großhadern. Wahrscheinlich kamen Frau Sommer gerade deshalb die Erinnerungsdefizite so auffällig vor, dass sie zunächst die Hilfe einer niedergelassenen Neurologin suchte, nach deren Untersuchungen der Verdacht einer frühen Alzheimer-Erkrankung im Raum stand.


Daraufhin suchte Frau Sommer Rat in der Gedächtnissprechstunde bei Dr. Schönecker und ihrem Team. Sie wollte sich über die in Deutschland zugelassenen neuen Medikamente informieren, die sich gegen die sogenannten Amyloid-Eiweißablagerungen im Gehirn richten. „Diese Medikamente verschreiben wir auch“, sagt Sonja Schönecker, „sofern die Diagnosekriterien einer frühen Alzheimer-Erkrankung erfüllt und bestimmte Kontraindikationen der Therapie ausgeschlossen sind.“

Als eines von wenigen Zentren deutschlandweit setzt die Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin jetzt einen neuen PET-Scanner ein, der wie ein Friseursessel mit Trockenhaube aussieht – also ohne eine enge Röhre, die Platzangst machen kann. „Er ist auch ideal geeignet für Patienten, die nicht so lange liegen können, was bei Demenz oder bei Bewegungsstörungen recht häufig vorkommt“, sagt der Nuklearmediziner Dr. Johannes Gnörich nach den ersten Erfahrungen mit dem Gerät.

Das „NeuroLF“ ist das erste Gerät seiner Art, das die Marktzulassung sowohl in den USA als auch in der Europäischen Union bekommen hat. Speziell für die Diagnostik von Hirnerkrankungen konzipiert, dürfte es wegen seiner kompakten Bauweise und der vergleichsweise niedrigen Beschaffungs- und Betriebskosten den Zugang zur PET-Bildgebung deutlich erleichtern. „Es eignet sich sowohl für die Diagnose von Hirntumoren und Epilepsie als auch neurodegenerativer Erkrankungen wie Parkinson oder Alzheimer“, erklärt Prof. Matthias Brendel, stellvertretender Direktor der Klinik.

Wie läuft ein PET/CT-Scan ab?

Vor der PET/CT-Untersuchung erfolgt ein ausführliches ärztliches Aufklärungsgespräch. Dabei werden der Ablauf, mögliche Risiken und offene Fragen besprochen.

Vor der PET/CT-Untersuchung bereitet das Team aus Medizinischen Technologinnen & Technologen sowie Ärztinnen & Ärzten alles sorgfältig vor. Alle Schritte sind optimal aufeinander abgestimmt, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten.

Vor der Aufnahme wird die Patientin bzw. der Patient bequem positioniert. Die genaue Einstellung des Geräts durch Medizinische Technologinnen und Technologen sowie Ärztinnen und Ärzte ist wichtig für aussagekräftige Bilder.

Die PET-CT-Untersuchung erfolgt in ruhiger Atmosphäre, ist schmerzfrei und liefert hochauflösende Bilder für eine exakte Diagnose.

Die PET/CT-Bilder werden von erfahrenen Fachärztinnen und Fachärzten der Nuklearmedizin gemeinsam ausgewertet. Dadurch entsteht eine zuverlässige Grundlage für die weitere Diagnostik.

In einer interdisziplinären Befundkonferenz werden die Untersuchungsergebnisse gemeinsam besprochen. Die enge Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen ermöglicht eine individuell abgestimmte Therapieplanung.

Auch die Patientin Gudrun Sommer war vom Gerät „sehr angetan“, sagt Johannes Gnörich - zumal sie den Vergleich mit der Untersuchung im herkömmlichen Scanner hatte. Leider bestätigten alle ihre Befunde den Verdacht auf eine frühe Alzheimer-Erkrankung. Das heißt, ihr Amyloid-PET war positiv. Dazu haben die Nuklearmediziner noch eine Tau-PET-Untersuchung lanciert, um festzustellen, wie stark ihr Gehirn bereits mit dem „Tau-Protein“ belastet ist. Weil in ihrem Erbgut kein ApoE4-Risikogen vorhanden ist, „erfüllte sie alle Voraussetzungen für die Verordnung eines neuen Medikaments gegen die Alzheimer-Erkrankung“, betont Sonja Schönecker. Auch eine Magnetresonanz-Tomografie ergab keinen Befund, der gegen eine Verordnung des Medikaments sprechen würde.

Das ist gerade für Patientin Gudrun Sommer extrem wichtig, „weil sie für ihr Alter sehr fit ist, bisher ohne Unterstützung wunderbar selbstständig zurechtkommt und das möglichst lange so bleiben soll.“ Kein Wunder also, „dass sie der Therapie gegenüber sehr aufgeschlossen war“, so die Neurologin.

Nun erhält sie alle vier Wochen für maximal 18 Monate eine Infusion mit einem Antikörper. Schon nach 12 Monaten allerdings soll ein erneutes Amyloid-PET im Neuro-LF zeigen, ob bereits ausreichend Amyloid-Protein weggeräumt wurde. Sollte dies der Fall sein, wäre die Therapie vorzeitig geglückt und könnte beendet werden. „Durch diesen Amyloid-PET-Scan im Verlauf können Behandlungsdauer und Behandlungskosten für die Patienten und das Gesundheitssystem eingespart werden“, sagt Prof. Rudolf Werner, Direktor der Klinik für Nuklearmedizin.

„Die neuesten Entwicklungen in der Diagnostik und der Therapie der Alzheimer-Erkrankung stellen einen wichtigen Fortschritt dar und eröffnen neue Möglichkeiten für die Versorgung von Patienten mit Alzheimer-Erkrankung“, betont Sonja Schönecker, „nun gilt es, diese Ansätze weiterzuentwickeln und ihre Anwendung sinnvoll auszubauen.“

FAQ – die wichtigsten Fragen und Antworten zur Amyloid-Antikörper-Therapie

Amyloid-Antikörper sind moderne Medikamente zur Behandlung der frühen Alzheimer-Erkrankung. Zu dieser Wirkstoffgruppe gehören unter anderem Lecanemab und Donanemab.

Die Antikörper richten sich gezielt gegen krankhaft veränderte Formen des Amyloid-beta-Proteins im Gehirn. Diese Eiweißablagerungen gelten als ein wichtiger Bestandteil der Krankheitsprozesse bei der Alzheimer-Erkrankung. Durch die Bindung an Amyloid-beta können die Ablagerungen vom Immunsystem besser erkannt und abgebaut werden.

Amyloid-Antikörper können die Alzheimer-Erkrankung nicht heilen. Bei sorgfältig ausgewählten Patientinnen und Patienten in einem frühen Krankheitsstadium können sie den weiteren Krankheitsverlauf jedoch verlangsamen (um ca. 1/3)  und damit den kognitiven Funktionsverlust verzögern.

Die Behandlung richtet sich an Patientinnen und Patienten mit leichter Kognitiver Einschränkung (MCI) oder leichter Demenz im Rahmen einer Alzheimer-Erkrankung.

Voraussetzung ist, dass die Alzheimer-Erkrankung sicher nachgewiesen wurde und sich die Patientin oder der Patient noch in einem frühen Krankheitsstadium befindet.

Nicht geeignet ist die Therapie für Menschen mit mittelgradiger oder schwerer Alzheimer-Demenz sowie für Patientinnen und Patienten mit anderen Demenzformen, zum Beispiel Lewy-Körper-Demenz, vaskulärer Demenz oder frontotemporaler Demenz.

Voraussetzung für die Therapie ist eine umfassende Diagnostik einschließlich neuropsychologischer Testverfahren sowie bildgebender und genetischer Diagnostik. Die Therapie ist nur möglich, wenn eine Alzheimer-Erkrankung mit Amyloid-Pathologie im frühen Stadium bestätigt ist und keine relevanten Gegenanzeigen vorliegen.

Ausschlusskriterien sind insbesondere:

  • bestehende Antikoagulation (medikamentöse starke Hemmung der Blutgerinnung)
  • Hinweise auf eine zerebrale Amyloidangiopathie (CAA) (Erkrankung der Blutgefäße im Gehirn, bei der sich Amyloid in den Gefäßwänden ablagert)
  • ApoE4-Homozygotie (doppelte Ausführung des APOE4-Gens im Erbgut)

Die Behandlung erfolgt als intravenöse Infusion in regelmäßigen Abständen. Je nach Medikament wird die Infusion alle zwei oder alle vier Wochen verabreicht.

Die Therapie findet im Rahmen eines strukturierten Behandlungskonzepts statt. Dazu gehören:

  • ausführliche Aufklärung über Nutzen, Grenzen und Risiken
  • regelmäßige klinische Kontrolltermine
  • MRT-Verlaufskontrollen zur Überwachung möglicher Nebenwirkungen
  • enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Neurologie, Psychiatrie, Neuroradiologie/Radiologie und Nuklearmedizin
  • erneute Bewertung des Therapieerfolgs im Verlauf

Im Verlauf kann der Therapieerfolg hinsichtlich der Amyloid-Reduktion im Gehirn mittels Amyloid-PET beurteilt werden. Diese kann zur Verlaufsbeurteilung und zur Unterstützung von Entscheidungen über die weitere Behandlungsstrategie herangezogen werden.

Amyloid-Antikörper können Nebenwirkungen verursachen. Besonders wichtig sind sogenannte „Amyloid-related imaging abnormalities“, kurz ARIA. Dabei handelt es sich um Veränderungen im Gehirn wie Schwellungen und/oder Blutungen. Diese können im MRT sichtbar werden. ARIA verlaufen meist ohne Beschwerden (asymptomatisch), können aber auch Symptome verursachen, zum Beispiel Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Schwindel, Sehstörungen, Übelkeit oder neurologische Ausfälle. Deshalb sind regelmäßige MRT-Kontrollen während der Therapie notwendig.

Das LMU Klinikum bietet die neu zugelassenen Anti-Amyloid-Therapien mit Lecanemab (Leqembi®) und Donanemab (Kisunla®) an.

Eine Anfrage für diese Therapie kann nur durch den Hausarzt oder den Neurologen erfolgen. Die letzte Entscheidung über die Therapieeignung liegt beim behandelnden Arzt an unserem Zentrum. Auf der Website der Gedächtnissprechstunde gibt es auch eine Checkliste für überweisende Ärzte.

Patientenanmeldungen können erfolgen unter:

Neurologische Klinik und Poliklinik 
Gedächtnissprechstunde/Kognitive Neurologie
Tel.: 089/4400 74807
https://www.lmu-klinikum.de/neurologie/fur-patienten/ambulanzen/kognitive neurologie/9f467346734094ff

Institut für Schlaganfall- und Demenzforschung
Gedächtnisambulanz
Email: Ambulanz.ISD@med.uni-muenchen.de

Tel.: 089-4400-46046
https://www.lmu-klinikum.de/isd/fur-patienten/gedachtnisambulanz

Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Alzheimer Therapie- und Forschungszentrum
Tel.: 089 4400 55863
E-Mail: PSY.Alzheimerzentrum@med.uni-muenchen.de
https://gedaechtniszentrum-innenstadt.de/alzheimer/kontakt.html 

Unsere Expertinnen und Experten

PD Dr. Sonja Schönecker

PD Dr. med. Sonja Schönecker

Funktionsoberärztin an der Neurologischen Klinik und Poliklinik

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Prof. Dr. med. Rudolf Werner

Direktor der Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin

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Portraitbild Prof. Dr. med. Matthias Brendel

Prof. Dr. med. Matthias Brendel

Stellvertretender Direktor der Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin

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Dr. med. Johannes Gnörich

Funktionsoberarzt an der Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin

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Anlaufstellen im LMU Klinikum

Gedächtnissprechstunde/Kognitive Neurologie an der Neurologischen Klinik und Poliklinik


Tel.: +49 89 4400-74807


Gedächtnissprechstunde
LMU Klinikum: Das Gebäude des Centrums für Schlaganfall- und Demenzforschung (CSD) am Campus Großhadern

Institut für Schlaganfall- und Demenzforschung



Tel.: +49 89 4400-46046

E-Mail: Ambulanz.isd@med.uni-muenchen.de

Institut für Schlaganfall- und Demenzforschung

Alzheimer Therapie- und Forschungszentrum an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie

Tel.: +49 89 4400-55863

E-Mail: Psy.alzheimerzentrum@med.uni-muenchen.de

Alzheimer Therapie- und Forschungszentrum

Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin 

Tel.: +49 89 4400-74611

E-Mail: anmeldung.nuk@med.uni-muenchen.de

Nuklearmedizin

Quellen und weiterführende Links