Die Medizinische Fakultät der LMU München feiert in diesem Jahr ihr 550-jähriges Jubiläum: Die Geschichte begann am 26. Juni 1472 in Ingolstadt. 1800 wechselte die LMU nach Landshut und von dort 1826 nach München. Dort sind die LMU und auch die Medizinische Fakultät zu Institutionen mit Exzellenzstatus geworden. Hier möchten wir Ihnen in den kommenden Monaten einen kleinen Einblick in die Historie der Medizinischen Fakultät mit ihren großen Persönlichkeiten und wichtigen medizinischen Erfindungen geben.

Festakt zu 550 Jahre LMU Medizin

Am 13. Oktober feierten die Medizinische Fakultät und das Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München das Jubiläum mit einem Festakt in der Allerheiligen-Hofkirche der Residenz München im Beisein des Schirmherrn und Bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Markus Söder. Hier sehen Sie einen kurzen Überblick:

Pressemitteilung und lange Version des Videos zum Festakt "550 Jahre LMU Medizin"

Historische Persönlichkeiten der LMU Medizin

August von Hauner (1811-1884)

August von Hauner leistete für die Kinderheilkunde Pionierarbeit. Sein Kinderspital war aber auch eine Informationsstelle für Mütter über die richtige Ernährung Pflege und Erziehung ihrer Kinder. 

Max von Pettenkofer (1818-1901)

Er studierte Chemie, Pharmazie und Medizin und gründete in München das erste Hygiene-Institut weltweit. Dank Max von Pettenkofer wurde München Ende des 19. Jahrhunderts zur saubersten Stadt Deutschlands.

Hugo von Ziemssen (1829-1902)

Mit der Entdeckung, dass Elektrostimulation die Herzfrequenz beeinflusst, wurde Ziemssen Pionier der diagnostischen und therapeutischen Elektrophysiologie des Herzens und revolutionierte die Innere Medizin.

Johann Nepomuk von Nußbaum (1829-1890)

Johann Nepomuk von Nußbaum etablierte nicht nur neue schonende OP-Methoden, sondern er führte auch die antiseptische Wundbehandlung ein, wodurch die Sterblichkeitsrate frisch operierter Patienten drastisch sank.

Emil Kraepelin (1856-1926)

1904 wurde Emil Kraepelin erster Direktor der neuen hochmodernen Psychiatrischen Klinik der Universität München - und München erlangte in der Psychiatrie Weltgeltung. Sein System der Klassifizierung psychischer Störungen ist bis heute gültig.

Ferdinand Sauerbruch (1875-1951)

Der "Sauerbruch-Arm", die "Umkipp-Plastik" oder die Erfindung der Unterdruckkammer. wodurch Operationen am offenen Brustkorb möglich wurden: Mit seinen genialen Ideen führte Ferdinand Sauerbruch die Chirurgie in München in ein neues Zeitalter.

Alfred Marchionini (1899-1965)

Der Dermatologe Alfred Marchionini hat die internationalen Beziehungen der Dermatologischen Klinik maßgeblich gestärkt. Als Rektor hat er 1955 die Entscheidung mit herbeigeführt, das Universitätsklinikum Großhadern zu bauen. 

Weitere historische Persönlichkeiten der LMU Medizin

550 Jahre LMU Medizin: Der Weg zur Exzellenz

Die Anfänge in Ingolstadt

In der Mitte des 15. Jahrhunderts kam es in ganz Europa zu einer Reihe von Universitätsgründungen. Mit Genehmigung von Papst Pius II. gründete Herzog Ludwig IX., der Reiche, von Bayern-Landshut in Ingolstadt die erste Universität Altbayerns. Das damalige Hauptgebäude war ein für Lehrzwecke umgebautes Pfründnerhaus. Die offizielle Eröffnung und Einweihung der „Hohen Schule“ fand am 26. Juni 1472 statt. Die medizinische Fakultät war eine der vier Gründungsfakultäten. Die ersten drei Jahrhunderte waren geprägt von der Entwicklung von einer anfänglich rein theoretischen Wissensvermittlung im Hörsaal hin zu einer praxisnäheren Ausbildung. 1723 wurde in Ingolstadt der Grundstein für ein erstes eigenes Gebäude der Mediziner in der Nähe des Botanischen Gartens gelegt. Ein „anatomisches Theater“ für 400 Besucher war als Hörsaal geplant. Darüber hinaus gab es in den Seitenflügeln Räumlichkeiten für die Chirurgie, Chemie, physikalische Experimente und Botanik.

Zwischenstopp in Landshut

Im Laufe des 18. Jahrhunderts hatte es immer wieder Diskussionen um eine Translokation der Universität gegeben. Mit dem kurfürstlichen Erlass vom 17. Mai 1800 wurde diese schließlich angeordnet. Knapp vier Jahre dauerte es, bis die Universität komplett von Ingolstadt nach Landshut umgezogen war. In Erinnerung an den Universitätsgründer Ludwig IX. und den regierenden Maximilian IV. wurde sie auf den bis heute geltenden Namen Ludovico-Maximilianea beziehungsweise Ludwig-Maximilians-Universität getauft. Sie fand in einem Dominikanerkloster Unterkunft; die medizinische Fakultät wurde zunächst in das Hospital „Heiliggeistspital“ verlegt. Die Medizinische Fakultät blühte am neuen Standort in Landshut auf: Die medizinische Infrastruktur der Stadt Landshut wurde stark ausgebaut, unter anderem entstanden eine Poliklinik und ein Gebärhaus. Das medizinische Studienangebot hat sich zudem personell und fachlich stark weiterentwickelt.

Umzug nach München

Unter der Regentschaft von König Ludwig I. sollten alle staatswichtigen Kulturinstitute in der heutigen Landeshauptstadt München konzentriert und das gesamte Bildungswesen neu organisiert werden. Im November 1826 erfolgte der feierliche Umzug der Hochschule in das ehemalige Jesuitenkolleg an der jetzigen Neuhauserstraße (Bild 1). Mit dem Wechsel der LMU von Landshut nach München wurde das schon 1813 eröffnete Allgemeine Städtische Krankenhaus (Bild 2) nahe des Sendlinger Tors – mit 600 Betten das größte in Bayern – von der Universität als Lehrkrankenhaus genutzt. Das Krankenhaus war nach Plänen von Franz Xaver von Häberl erbaut worden. Außerdem verfügte die 1823 gegründete medizinische Sektion an der Akademie der Wissenschaften bereits über ein besonders schönes Anatomiegebäude. 1832 übernahmen die Barmherzigen Schwestern für die nächsten 168 Jahre die Krankenpflege im Allgemeinen Krankenhaus. Mit der Eingliederung von Haidhausen und des dortigen Krankenhauses in das Münchner Stadtgebiet, wurde das Krankenhaus 1855 in Städtisches Krankenhaus links der Isar umbenannt.

Aufbau von Weltruf

Dem Trend der Medizin zur Spezialisierung sowie der Vorstellung folgend, dass jedes Fachgebiet sein eigenes Gebäude haben müsse, entwickelte sich aus dem Allgemeinen Städtischen Krankenhaus eine ganze Reihe von später eigenständigen Fachkliniken und Instituten. Diese sind oftmals eng mit bekannten medizinischen Persönlichkeiten verbunden. 1843 wird auf königlichen Wunsch die Poliklinik eingeführt. 1846 eröffnet August von Hauner die erste Kinderklinik in der Sonnenstraße; 1882 bezieht die Hauner’sche Kinderklinik den heutigen Standort in der Lindwurmstraße (Bild 1). 1856 wird die Königliche Frauenklinik gegründet; 1916 eröffnet die Königliche Universitätsfrauenklinik und Hebammenschule in der Maistraße (Bild 2). 1877 gründete Hugo von Ziemssen das erste deutsche klinische Institut am Städtischen Krankenhaus links der Isar; 1879 eröffnet das Hygiene-Institut unter Max von Pettenkofer. In den 1880er Jahren wird die Chirurgische Klinik an der Nußbaumstraße gebaut (Bild 3), 1904 die Psychiatrische Klinik unter Emil Kraeplin eröffnet. 1929 erhielt die dermatologische Abteilung im Städtischen Krankenhaus in der Thalkirchner Straße ihr eigenes Domizil.

LMU Klinikum

Bildquellen: LMU Klinikum (1,2), LMU (3)

Die Zeit unter dem Hakenkreuz

Mit Machtantritt der Nationalsozialisten begann für die medizinischen Einrichtungen der LMU eine Zeit der ideologischen und politischen Neuausrichtung. Das von den Nationalsozialisten erlassene „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ etwa führte zur Entlassung von 15 Universitätsmedizinern. Anhänger:innen des Nationalsozialismus, die die Vereinnahmung durch das NS-Regime unterstützten und forcierten, gab es auch unter den Lehrenden und den Studierenden. Ob von außen verlangt und gesteuert oder von innen initiiert und getragen, die LMU-Medizin war in das Unrecht des NS-Regimes in hohem Maße verstrickt: mit dem Ausschluss von Patient:innen jüdischer Herkunft, mit der zunehmenden rassenideologischen Ausrichtung von medizinischer Forschung und Lehre, mit Zwangssterilisationen und Zwangsabtreibungen an Menschen, die vom NS-Regime als „erbkrank“ stigmatisiert wurden, sowie mit der Beteiligung an den Verbrechen des NS-„Euthanasie“-Programms. Gegen den menschenverachtenden Ungeist des Nationalsozialismus haben die zum Kreis der Weißen Rose gehörenden Münchner Medizinstudenten Hans Scholl (Bruder von Sophie Scholl, die Philosophie und Biologie studierte), Christoph Probst und Alexander Schmorell Widerstand geleistet. Hierfür wurden sie 1943 hingerichtet.  

Wiederaufbau

Die LMU (Bild 1) und das alte Klinikviertel nahe dem Sendlinger Tor wurden im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt. Die amerikanische Besatzungsmacht, die über die weitere Entwicklung in München bestimmte, hat im Zuge der Entnazifizierung viele Dozierende der Universität, inklusive des Universitätsklinikums, entlassen. Der Personalmangel und die Umgestaltung der Institute und Kliniken machte die Arbeit und den Wiederaufbau mühselig, und München als Standort und Arbeitsplatz für medizinischen Wissenschaftler:innen weniger interessant. 1954 ging das Städtische Krankenhaus links der Isar – seit 1826 Lehrkrankenhaus der LMU – in den Besitz der LMU über. 1969 fand dort die erste Herztransplantation Deutschlands durch die Münchner Chirurgen Rudolf Zenker, Werner Rudolph und Werner Klinner statt.

Bildquelle: LMU Klinikum

Neubau Klinikum Großhadern

Auch aufgrund der limitierten Kapazitäten der Innenstadtkliniken fiel 1955 die Entscheidung für einen Neubau des Klinikums außerhalb des Stadtzentrums. Das 70 Hektar große Grundstück in Großhadern bot einerseits eine ruhige Lage und andererseits Möglichkeiten für Erweiterungen. Die Überlegungen zur Neustrukturierung der medizinischen und administrativen Abläufe führten zu einem neuen Konzept: die Zusammenführung aller Kliniken unter einem Dach in einem 60 Meter hohen und 205 Meter langen Bettenhaus. Der Bau des Klinikums Großhadern dauerte rund zehn Jahre (Bilder 2-4); 1974 wurde der erste Patient aufgenommen. 1980 kam hier der Dornier-Nierensteinzertrümmerer zum ersten Mal zum Einsatz, dessen Ursprung in der Luft-und Raumfahrtforschung liegt, und in einer interdisziplinären Kollaboration mit der Urologie des LMU Klinikums in München entwickelt wurde. 1983 fand im Klinikum Großhadern außerdem die erste Herz-Lungen-Transplantation Deutschlands durch den Herzchirurgen Bruno Reichart statt. 2014 wurde das neue Operationszentrum – damals das größte und modernste OP-Zentrum Europas – fertiggestellt. 


Neubau Klinikum Innenstadt

Schon 1999 waren die beiden Uniklinika „Innenstadtkliniken“ und Klinikum Großhadern“ zum Klinikum der Universität München (LMU) fusioniert. Nach fünf Jahren Bauzeit und neun Monaten der Inbetriebnahme ist im Juni 2021 das neue LMU Klinikum Innenstadt (Bild 1 und 2) feierlich eröffnet worden, direkt angrenzend an die Ziemssenklinik. Dort können jährlich rund 70.000 Patienten ambulant und 15.000 Patienten stationär in zwölf Fachbereichen versorgt werden, einschließlich der Chirurgie, der Inneren Medizin, der Intensiv- und Notfallmedizin und der Geburtshilfe und Neonatologie. Der Fokus der Patientenversorgung liegt dabei auf der Interdisziplinarität – der bestmöglichen medizinischen Versorgung unter Einbindung der für Patient:innen jeweils erforderlichen Spezialistinnen und Experten verschiedener Fachgebiete.

Bildquelle: LMU Klinikum

Artikel "550 Jahre LMU und Medizinische Fakultät" von Prof. Dr. Wolfgang Locher, LMU Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, im Bayerischen Ärzteblatt