Marburger Rechtschreibtraining

Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne, Frank Mathwig

Das Marburger Rechtschreibtraining besteht aus 12 Kapiteln, die in einen Anleitungs-, einen Lern- und einen Übungsbereich gegliedert sind. Zusätzlich sind im Anhang Arbeits- und Lernmaterialen zusammengestellt (siehe Tabelle 2). Zu jedem Kapitel des Lern- und Übungsbereichs werden in der Anleitung Detailinformationen gegeben. Das Wortmaterial des Trainings ist in einem Wortindex zusammengefasst.

Die 12 Kapitel bauen aufeinander auf. Jedoch besteht die Möglichkeit, dass einzelne Kapitel zu bestimmten Themen (z. B. Ableitungen) aus diesem Training genommen und zu anderen Übungsverfahren ergänzt werden.

Lerninhalte

Die einzelnen Kapitel des Trainings bauen aufeinander auf. Beginnend mit der Einführung der Selbstlaute wird die Unterscheidung von lang und kurz gesprochenem Selbstlaut im Wortstamm geübt. Tabelle 2 gibt eine Übersicht über die Inhalte des Programms.

  • Themen
  • Selbstlaute erkennen
  • Unterscheidung von lang und kurz gesprochenen Selbstlauten
  • Mitlaute erkennen
  • Unterscheidung von Selbst- und Mitlauten
  • Verschriftlichung der Mitlaute nach lang und kurz gesprochenem Selbstlaut
  • Hauptwörter erkennen
  • Groß- und Kleinschreibung
  • Wortstamm erkennen
  • Verschriftlichung von Wortstämmen
  • Verschriftlichung von Wortendungen
  • Verschriftlichung der Mitlaute nach lang und kurz gesprochenem Selbstlaut in zusammengesetzten Hauptwörtern
  • Verschriftlichung von Wortendungen in zusammengesetzten Hauptwörtern
  • Verschriftlichung der Mitlaute nach lang und kurz gesprochenen Umlauten
  • Vorsilben erkennen
  • Tuwörter erkennen
  • Verschriftlichung von Endungen in Tuwörtern
  • Verschriftlichung der Mitlaute nach lang und kurz gesprochenem Selbstlaut in Tuwörtern
  • Stumme-h erkennen
  • Verschriftlichung des stummen-h
  • Wiewörter erkennen
  • Verschriftlichung der Mitlaute nach lang und kurz gesprochenem Selbstlaut in Wiewörtern
  • Verschriftlichung der Ausnahmen von der Stumme-h-Regel bei verschiedenen Wortarten
  • Erkennen des lang gesprochenen Selbstlautes i
  • Erkennen des Dehnungs-e
  • Verschriftlichung des lang gesprochenen i mit Dehnungs-e
  • Selbstlaute-trennende-h bei Hauptwörtern und Tuwörtern erkennen
  • Erkennen und Verschriftlichung von Mitlauten bei Selbstlautpaaren
  • Ableitung zu gleichklingenden Umlauten bei Hauptwörtern, bei Tuwörtern und bei Wiewörtern
  • Ableitung zur Auslautverhärtung bei Hauptwörtern, bei Tuwörtern und bei Wiewörtern


Regeln

Die Regeln stellen ein wesentliches Grundgerüst des Rechtschreibtrainings dar. Insgesamt 8 Regeln enthält das Programm. Anhand dieser Regeln können jedoch nicht alle Rechtschreibprobleme gelöst werden, da es eine Reihe von Wörtern gibt, die anhand dieser Regel nicht richtig verschriftlicht werden können. Diese Ausnahmen sind aber vergleichsweise selten.

Lösungsstrategien

Anhand von sog. Algorithmen (Abbildung 3) wird den Kindern vermittelt, zu der richtigen Verschriftlichung eines Wortes zu gelangen. Die Struktur der Algorithmen ist immer gleich, d. h. ausgehend von einer Problemstellung werden über einen Entscheidungsbaum mit Ja/Nein-Antworten die Lösungsschritte vermittelt. Zu jedem Lernbereich gibt es einen Algorithmus, der graphisch als Kathi umgesetzt ist. Die Algorithmen bauen aufeinander auf (siehe Abbildung 3).

Wortmaterial

Das Wortmaterial des Trainings ist aus dem Grundwortschatz von Pregel und Rickheit (1987) entnommen. Dies ist die zur Zeit aktuellste, für den Grundschulbereich repräsentative vorliegende Sammlung. Die Wörter wurden aus dem Corpus des schriftlichen Wortschatzes für die zweiten und dritten Klassen ausgewählt.

Schrift

Um eine sehr gute Lesbarkeit des Trainings zu erreichen, wurde eine 16-Punkt-Schriftgröße verwendet. Ferner wurde eine serifenlose Schrift gewählt, die insbesondere im Erstleseunterricht verwendet wird.

Die Übungs- und Lerneinheiten sollten auf zwei Einheiten pro Woche verteilt werden. Ein häufigeres Üben kann zur Überforderung der Kinder führen. Außerdem benötigen die Kinder ein ausreichendes Maß an Freizeit, deren Beschneidung auch die Motivation negativ beeinflussen würde.

Die Dauer der einzelnen Übungseinheiten sollte 45 Minuten nicht überschreiten. Allerdings bedeutet 45 Minuten nicht reine Lern- und Arbeitszeit, sondern auch Spiel- und Erholungszeit. Die effektive Lern- und Übungszeit beträgt dann maximal 20-30 Minuten.

Generell richtet sich die Dauer der Übungseinheiten nach der individuellen Belastbarkeit des Kindes. Für manche Kinder erscheint es sinnvoll, die Lerneinheiten auf mehr als zwei Wochentage zu verteilen. Es sollte darauf geachtet werden, dass Lernzeiten nicht auf die Abendstunden gelegt werden und ein ruhiger Ort zum Lernen und Üben zur Verfügung steht.

Für die schulische Förderung ist eine zweistündige Förderung pro Woche sinnvoll. Die Förderung sollte zumindest einmal pro Woche am frühen Vormittag erfolgen. Förderung in den letzten Schulstunden sind wenig effektiv und sollten möglichst vermieden werden.

Das Training sollte wenn möglich, als Einzeltraining durchgeführt werden. Im Rahmen schulischer Förderung ist allerdings oft nur eine Förderung in der Gruppe möglich. Die Gruppen sollte nicht mehr als 5 Kinder umfassen. Es sollten nur lese- und/oder rechtschreibschwache Kindern zusammen gefördert werden. Die Kombination von lese- und/oder rechtschreibschwachen mit Kindern mit anderen Entwicklungstörungen (z. B. Dyskalkulie) oder Kindern, die aufgrund einer anderen Muttersprache Schwierigkeiten beim Erlernen der deutschen Schriftsprache aufweisen, ist zu vermeiden. Die Zusammensetzung der Gruppe sollte an dem individuellen Leistungsniveau der Kinder ausgerichtet sein. Heterogene Leistungsgruppen, d. h. die Kombination von Kindern mit einer relativ guten mit Kindern mit einer sehr schlechten Rechtschreibleistung, ist nicht sinnvoll.

Verschiedene Voraussetzungen vor Beginn des Trainingsprogramms sollten überprüft werden.

Voraussetzungen beim Kind

Das Trainingsprogramm ist für Kinder entwickelt worden, die Schwierigkeiten beim Erwerb der Rechtschreibfähigkeit haben. Diese Schwierigkeiten sollen nicht auf folgende Faktoren zurückführbar sein, da ansonsten keine Aussagen über die Wirksamkeit des Programms gemacht werden können.

  • Vorliegen einer Lernbehinderung.
  • Vorliegen einer Hör- und Sehstörung, die nicht korrigiert ist.
  • Mangelnde Unterrichtung im Rechtschreiben z. B. infolge von unregelmäßigem Schulbesuch.
  • Vorliegen einer psychischen oder neurologischen Erkrankung, die den Erwerb der Rechtschreibfähigkeit wesentlich beeinträchtigt hat.

Nachdem die Faktoren genannt wurden, die nicht vorhanden sein sollen, werden nachfolgend die Kriterien vorgestellt, anhand derer entschieden werden kann, ob dieses Programm sinnvoll für das betreffende Kind ist.

Entscheidend ist, ob tatsächlich besondere Probleme im Rechtschreiben vorliegen. Diese Probleme sollten nicht nur einmalig bei einem Diktat auftreten, sondern mehrmals über einen längeren Zeitraum zu beobachten sein.

Überprüfung der Voraussetzungen beim Kind

Eingangsuntersuchung

Die Überprüfung der Voraussetzungen setzt psychologische und medizinische Spezialkenntnisse voraus. Daher wird empfohlen, dass die Kinder vor Beginn des Trainings erst eingehend untersucht werden. Untersuchungen können bei Fachärzten und in Ambulanzen in Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie und bei in der Diagnostik erfahrenen Psychologen durchgeführt werden. Angebote zur psychologischen Untersuchungen finden Sie auch in Erziehungsberatungsstellen, psychologischen Beratungsstellen und teilweise bei schulpsychologischen Diensten. Da die Durchführung der Diagnostik sehr unterschiedlich ist, werden nachfolgend Empfehlungen zum Aufbau der Überprüfung gegeben.

Die Untersuchung sollte folgende Faktoren erfassen:

- Intelligenztest (möglichst ein Verfahren auswählen, das insgesamt oder zumindest in Teilen sprachfrei ist, z. B. Kaufman Assessment Battery for Children (K-ABC), Hamburg-Wechsler-Intelligenztest für Kinder III (HAWIK-III), Grundintelligenztest Skala 1, 20 (CFT 1, 20 ).

- Standardisierter Rechtschreibtest (z. B. Weingartener Rechtschreibtest 1+, 2+, 3+ (WRT 1+, 2+, 3+), Diagnostischer Rechtschreibtest für zweite und dritte Klassen (DRT 2, DRT 3), Grundwortschatz Rechtschreib-Test für 4. und 5. Klassen (GRT 4+).

- Standardisierter Lesetest (Salzburger Lese-Rechtschreibtest (SLRT), Würzburger Leise Leseprobe (WLLP).

- Überprüfung der Emotionalität.

- Neurologische Untersuchung einschließlich der Überprüfung der Hör- und Sehfähigkeit.

Wir empfehlen das Training für Kinder, die besondere Schwierigkeiten beim Erlernen des Rechtschreibens haben. Es wird in der Praxis erst dann von einer Rechtschreibstörung gesprochen, wenn die Leistung im Rechtschreibtest unter dem Klassendurchschnitt liegt und die Intelligenz mindestens im Durchschnittsbereich liegt (d.h. > 85 ist). Aus überwiegend methodischen Gründen empfehlen wir ein diagnostisches Vorgehen, dass das Verhältnis von aktueller Rechtschreibleistung zur Intelligenz berücksichtigt. Es sollte erst dann von einer Rechtschreibstörung gesprochen werden, wenn die aktuelle Rechtschreibleistung deutlich schlechter ist als aufgrund der Intelligenz zu erwarten wäre. Das genaue Vorgehen ist in einem Artikel beschrieben (Schulte-Körne et al. 2001b) oder kann bei den Autoren nachgefragt werden (siehe homepage: http://www.kjp.uni-marburg.de/kjp/legast/Index.htm).

Ab welcher Klassenstufe kann das Programm eingesetzt werden?

Das Training ist nicht für Kinder der ersten Klasse geeignet, da die Buchstabenkenntnis und Laut-Buchstabenzuordnung häufig noch nicht sicher erworben werden konnte. In den bereits durchgeführten Studien zur Wirksamkeit des Trainingsprogramm konnte ein Erfolg für Kinder der 2. - 5. Klasse gezeigt werden. Der Einsatz in höheren Klassen ist bisher nicht untersucht, allerdings ist anzunehmen, dass bei Vorliegen einer ausgeprägten Rechtschreibstörung auch in höheren Klassen sinnvoll mit dem Programm gearbeitet werden kann.

Emotionalstörung und Hyperaktivität

Einige Kinder mit einer Lese- und Rechtschreibstörung haben erhebliche Probleme sich zu konzentrieren, still zu sitzen und ihre Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten. Diese Probleme können die Durchführung und den Erfolg des Trainingsprogramms stark beeinflussen. Bei einzelnen Kindern sind diese Probleme so ausgeprägt, dass bereits in der Eingangsuntersuchung von einer Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätsstörung (oder Hyperkinetischen Störung) gesprochen wird. In diesem Fall empfehlen wir, dieses Problem fachärztlich zu behandeln, um die Voraussetzungen für die Durchführung des Trainingsprogramms zu schaffen. Das Vorliegen einer Hyperkinetischen Störung ist unter der Voraussetzung einer entsprechenden Behandlung kein Ausschlussgrund für die Durchführung des Trainings.

Manche Kinder haben möglicherweise als Folge der nicht erkannten Rechtschreibstörung verschiedene Probleme entwickelt, z. B. häufig traurig zu sein und an sich selbst zu zweifeln. Bauch- und Kopfschmerzen in Zusammenhang mit Anforderungen an die Rechtschreibleistung oder Schulangst treten häufig auf. Wenn emotionale Probleme vorliegen, sollte auf jeden Fall ein Kinder- und Jugendpsychiater oder ein Psychologe mit psychotherapeutischer Zusatzqualifikation aufgesucht werden. Auch emotionale Störungen sind kein Ausschlussgrund für die Durchführung des Trainings, wenn eine entsprechende Behandlung erfolgt.

Wer kann das Training durchführen?

Das Training ist so konzipiert, dass es von Eltern und Fachkräften (Pädagogen, Psychologen, Ergotherapeuten, Logopäden, Ärzten) durchführt werden kann. Allerdings sind bestimmte Voraussetzungen zu überprüfen, die in Abhängigkeit von der beruflichen Ausbildung und spezifischen Fördersituation (zu Hause, bei einer/m Therapeutin/en, in der Schule) unterschiedlich sind.

Voraussetzungen beim Trainer/in

Es wird hier unterschieden, ob das Training durch Eltern oder durch Fachkräfte durchgeführt wird.

Voraussetzungen, wenn Eltern des Training durchführen

Als erstes sollte überprüft werden, ob das Verhältnis zwischen Kind und einem Elternteil so entspannt ist, dass ein regelmäßiges Üben mindestens zweimal wöchentlich sinnvoll durchgeführt werden kann. Dieser Aspekt ist von großer Bedeutung. Nicht selten haben Eltern, bevor die Lese-Rechtschreibstörung festgestellt wurde, häufig intensiv und nicht selten vergeblich mit ihrem Kind geübt. Das wiederholte Schreiben von Diktaten führte zwar kurzfristig zu einer Fehlerreduktion, jedoch am nächsten Tag in der Schule zeigte sich dieser Übungseffekt nicht mehr. Diese Misserfolge, vor allem wenn sie über einen längeren Zeitraum erlebt wurden, haben oft das Verhältnis zwischen übendem Elternteil und Kind verschlechtert. Wenn von vornherein absehbar ist, dass aufgrund der negativen Vorerfahrungen das Eltern-Kind-Verhältnis durch ein gemeinsames Üben belastet wird, ist die Durchführung des Trainings durch eine Fachkraft zu empfehlen.

Die Konzeption des Trainings sieht vor, dass Eltern bei der Durchführung des Trainings angeleitet werden, z. B. durch Anbindung an eine psychologische Beratungsstelle oder Erziehungsberatungsstelle. Außerdem können sich die Eltern in Elterngruppen zusammenschließen und regelmäßig (z. B. einmal monatlich) durch eine Fachkraft angeleitet werden (vergleichbar dem Vorgehen in der Evaluationsstudie, siehe Schulte-Körne et al. 1997, 1998). Ohne Unterstützung sollten Eltern das Programm nicht durchführen.

Voraussetzungen, wenn Fachkräfte das Training durchführen

Generell setzt die Durchführung des Trainingprogramms eingehende Kenntnisse über die Lese- und Rechtschreibstörung voraus. Zusätzlich wäre eine psychotherapeutische Zusatzqualifikation empfehlenswert, da nicht selten bei den betroffenen Kindern psychische Probleme vorliegen. Insbesondere kann der Einsatz von verhaltenstherapeutischen Methoden bei der Durchführung des Trainings sinnvoll sein (siehe hierzu Scheerer-Neumann 1988).

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Das Marburger Rechtschreibtraining

Ein regelgeleitetes Förderprogramm für rechtschreibschwache Kinder

2023, 8., durchgesehene Auflage

von Gerd Schulte-Körne, Frank Mathwig , 390 Seiten, im Ringordner € 92,99